Hinweis: Verwendung der Artikel der Nassauischen Neuen Presse mit freundlicher Genehmigung der Frankfurter Societäts-Druckerei.
Fingierte Aktennotiz als Grundlage für systematischen Betrug / Von Dreistheit und Dummheit
Von Joachim Heidersdorf
Der Limburger Dom auf dem 1000-Mark-Schein: Dieses Motiv bekommt durch den Millionenbetrug im Bistum eine makabre Bedeutung.Der Vorsitzende Richter Josef Bill reagierte wiederholt sehr ungehalten. Auf seine eindringlichen Fragen nach einer Aktennotiz von 1996 und dem Buchungssystem im Rentamt antwortete der Angeklagte entweder ausweichend oder so unverblümt, dass sich nicht nur Bill wunderte. «Ich gebe es auf», sagte der Richter schließlich resignierend.
So viel Dreistheit auf der einen und so viel Dummheit und Gleichgültigkeit auf der anderen Seite wollte ihm nicht in den Kopf. «Wie sind die Barabhebungen verbucht worden?», wollte er wissen. «Ich habe angewiesen und die Buchhalterin hat gebucht», antwortete Werner-Jung-Diefenbach. Bill: «Und sie hat nie nachgefragt?» Jung-Diefenbach: «Doch, die Buchhalterin und der Verwaltungsleiter des Gesamtverbandes haben natürlich gefragt. Aber ich war ja ihr Dienstvorgesetzter. Mit meiner Auskunft waren die dann zufrieden.» Bill: «Dass Sie Geld in bar abgehoben haben, um Überweisungsgebühren zu sparen?» Jung-Diefenbach: «Genau.» Bill: «Aber das Bistum bezahlt doch mit Sicherheit keine Überweisungsgebühren?» Jung-Diefenbach: «Natürlich nicht.»
Elternbeiträge geplündert
Die große Summe zweigte der Rentamtsleiter vom Vermögen des Gesamtverbandes der Katholischen Kirchengemeinden Limburgs ab und dort ausschließlich vom Konto der Kindertagesstätte am Huttig, das zu zwei Dritteln durch Elternbeiträge und öffentliche Zuschüsse gespeist war. Wenn das Konto leer war, füllte es Jung-Diefenbach durch Überweisungen vom Rentamt auf; insgesamt transferierte er im strafrechtlich relevanten Zeitraum in den vergangenen fünf Jahren 900 000 Euro.
Die Barentnahmen wurden auf einem Verrechnungskonto für die Kindergärten Limburgs sowohl für den Gesamtverband als auch vorher für die Kirchengemeinde Lindenholzhausen gegengebucht. Der Buchungstext war seit 1999 immer der gleiche: «Eigenanteil AOM (außerordentliche Maßnahmen) Huttig»; davor hieß es «An Stadt Limburg für Kindertagesstätten» und «Eigener Anteil Baumaßnahmen Kindertagesstätte».
Neben Werner Jung-Diefenbach hatte in den vergangenen Jahren auch der Verwaltungsleiter des Gesamtverbandes Einzelvollmacht für das Konto. Zunächst hatte es im Gericht den Anschein, dass der Mann geschwiegen haben könnte, weil er mit seinem Chef befreundet und Kassierer in dem von Jung-Diefenbach geleiteten Gesangverein Cäcilia war. Er hatte mit diesem Konto jedoch nichts zu tun, stellte sich später heraus.
Ganz anders entwickelte sich die Rolle der Leiterin der Buchhaltung. Sie hatte 25 Jahre lang ein intimes Verhältnis mit Jung-Diefenbach und bekam mehrfach Bargeld von ihm. «Sie hat die Augen geschlossen», sagte Althausen, «deshalb hat das Vier-Augen-Prinzip versagt. Es ist unmöglich, dass jemand alle paar Tage 7500 Euro in bar abhebt. Das kann nicht, das darf nicht sein», sagte der Finanzdirektor. Bill fragte ihn, ob eine kompetente Bilanzbuchhalterin glauben könne, das Rentamt wolle Buchungsgebühren sparen. «Eindeutig nein», sagte Althausen.
Überall schwarze Konten?
Der Rentamtsleiter habe sich an allen Kontrollgremien vorbei Einzelvollmacht erteilt, erläuterte er, das Bischöfliche Ordinariat habe davon nichts gewusst. «Und das Konto der Pfarrei von St. Jakobus kannten wir gar nicht.» Der Angeklagte wies darauf hin, dass Einzelvollmachten im Bistum keineswegs die Ausnahme seien. «Die haben zum Beispiel alle Kindergartenleiterinnen», so Jung-Diefenbach. «Das wären schwarze Konten; die darf es nicht geben», sagte der Finanzdirektor.
Althausen und Jung-Diefenbach legten die Wirksamkeit bezüglich der Kontrollen und Prüfungsmechanismen sehr unterschiedlich aus. Das Bistum hätte auf jeden Fall den Verrechnungssaldo von 1,8 Millionen Euro sehen müssen, der bereits 2003 in der Bistumsbilanz aufgetaucht sei, behauptete der Ex-Rentand. Der Finanzdirektor widersprach, der Posten sei nachweislich erstmals 2007 in der Bistumsbilanz enthalten gewesen. Der Zahlungsverkehr mit Kirchengemeinden oder anderen Trägern sowie Gegenbuchungen auf einem Verrechnungskonto seien normales Tagesgeschäft.
Der Gesamtverband sei eine eigene Körperschaft des öffentlichen Rechts und einer von mehr als 400 Mandanten des Rentamts, das insgesamt 630 Verrechnungskonten führe, davon 495 für Kirchengemeinden. Der Gesamtverband werde nicht vom Bistum, sondern von einem ehrenamtlichen Ausschuss der Kirchengemeinden geprüft. Diese Vertreter hätten sich vermutlich die Einnahmen- und Ausgabenrechnungen angeschaut und den Betrug nicht auf Anhieb erkennen können. «Das war eine Schwäche des alten Systems», sagte Althausen.
Zweieinhalb lange Jahre
Erst nach der Umstellung auf das kaufmännische Rechnungswesen – 2003 im Bistum und 2006 im Rentamt – sei eine umfassende Prüfung möglich gewesen und der Schwindel aufgefallen. Im April 2007 entdeckten die externen Prüfer bei der Prüfung des Jahresabschlusses 2006 des Bistums (inklusive Rentamt) den Verrechnungssaldo gegenüber dem Gesamtverband.
Warum es dann zweieinhalb Jahre gedauert hat, bis der Millionenbetrug aufgedeckt wurde, führte Althausen auf eine Reihe unglücklicher Umstände zurück. Er gab aber auch zu, dass er bis zum vergangenen September nicht den geringsten Verdacht gehabt und nur an einen technischen Fehler geglaubt habe. Die ursprünglich von allen als gut betrachtete Lösung, dass der Rentand auch als Geschäftsführer des Gesamtverbandes und als Kirchenrechner fungiere, habe sich zum Verhängnis entwickelt. «So konnte er mit sich selbst Geschäfte machen.»
Die Chronologie: Die Mitarbeiter der Prüfungsgesellschaft PWC «stolperten» im April 2007 über den hohen Verrechnungssaldo und bekamen von Jung-Diefenbach keine befriedigende Antworten auf ihre Fragen. Auch Franz-Josef Sehr, der Leiter des zentralen Rechnungswesens im Bischöflichen Ordinariat (BO) hakte nach und wollte eine nochmalige Prüfung durch PWC veranlassen. Weil die Unterlagen im Rentamt fehlten (sie sollten teilweise bei der Stadt sein), verzögerte sich das Verfahren, bis im Frühjahr 2008 mit der Prüfung des Jahresabschlusses für 2007 eine Sonderprüfung des Gesamtverbandes und für fünf Kirchengemeinden erfolgen sollte. Nachdem der Prüfungsleiter von PWC den Job wechselte, lag die Sache vorübergehend auf Eis.
Innenrevision scheiterte
Sein Nachfolger kam bei der zweiten Prüfung im Frühjahr 2009 aufgrund fehlender Unterlagen nicht weiter und brach die Prüfung ergebnislos ab. Vorher war schon die Innenrevision des Bistums laut Althausen «aufgrund der Verschleppungstaktik des Rentanden völlig an die Wand gefahren». Im Mai 2009 begannen Althausen und seine Fachleute mit umfassenden internen Recherchen zur Aufklärung der möglichen Forderungen der Stadt Limburg.
Die Verantwortlichen im BO setzten sich im Sommer erneut zusammen, gingen detailliert alle Abläufe und Argumente durch – und standen weiter vor einem Rätsel.
Knackpunkt war die Kopie einer Aktennotiz vom 7. Mai 1996, unterzeichnet von Jung-Diefenbach und dem damaligen Vorsitzenden des Gesamtverbandes, Bezirksdekan Aloys Staudt, über eine Zahlung der Stadt Limburg an den damaligen Träger des Kindergartens am Huttig, den Orden der Armen Dienstmägde Jesu, über 8 Millionen Mark für dringende Renovierungsarbeiten. Das Geld sollte demnach bis 2020 an die Stadt zurückgeführt werden; durch diese Verbindlichkeit entstand auf der Haben-Seite plötzlich ein Gegenposten.
Vermerk gefälscht
Den Vermerk hatte Jung-Diefenbach erst im Sommer 2007 an Sehr übergeben, vorher war er in keinem Protokoll aufgetaucht. «Es gab nach der Prüfung nicht den geringsten Anhaltspunkt, dass diese Aktennotiz einen realen Hintergrund hatte», sagte der Finanzdirektor. Dennoch kam ihm bis dahin nicht in den Sinn, dass der Rentand etwas manipuliert haben könnte – bis zum 24. September 2009, als er ihm ein Ultimatum stellte, die Vorgänge bis zum 30. September schriftlich aufzuklären (siehe gesonderten Bericht). Althausen äußerte als Zeuge den Verdacht, dass Jung-Diefenbach die Unterschrift Staudts auf den erst später angefertigten und gefälschten Vermerk kopiert hat.
Der Vorsitzende Richter wollte den Angeklagten auf die Aktennotiz festnageln, gab jedoch auf. Anfangs leugnete Jung-Diefenbach sogar seine Beteiligung an diesem Vorgang. Für Josef Bill war der Hintergrund jedoch sonnenklar: Mit der Luftnummer verschaffte sich der Rentand einen Posten, um seine Unterschlagungen abzuwickeln. hei
[Hier] finden Sie den Original Artikel auf der NNP Seite mit eventuellen Kommentaren unter dem Artikel.
[Hier] im Webauftritt von Lindenholzhausen.de finden Sie unseren Artikel "Untreue-Prozess: Berichte & Ergebnisse" mit der Historie und entsprechenden Links.
Warum es dann zweieinhalb Jahre gedauert hat, bis der Millionenbetrug aufgedeckt wurde, führte Althausen auf eine Reihe unglücklicher Umstände zurück. Er gab aber auch zu, dass er bis zum vergangenen September nicht den geringsten Verdacht gehabt und nur an einen technischen Fehler geglaubt habe. Die ursprünglich von allen als gut betrachtete Lösung, dass der Rentand auch als Geschäftsführer des Gesamtverbandes und als Kirchenrechner fungiere, habe sich zum Verhängnis entwickelt. «So konnte er mit sich selbst Geschäfte machen.»
Die Chronologie: Die Mitarbeiter der Prüfungsgesellschaft PWC «stolperten» im April 2007 über den hohen Verrechnungssaldo und bekamen von Jung-Diefenbach keine befriedigende Antworten auf ihre Fragen. Auch Franz-Josef Sehr, der Leiter des zentralen Rechnungswesens im Bischöflichen Ordinariat (BO) hakte nach und wollte eine nochmalige Prüfung durch PWC veranlassen. Weil die Unterlagen im Rentamt fehlten (sie sollten teilweise bei der Stadt sein), verzögerte sich das Verfahren, bis im Frühjahr 2008 mit der Prüfung des Jahresabschlusses für 2007 eine Sonderprüfung des Gesamtverbandes und für fünf Kirchengemeinden erfolgen sollte. Nachdem der Prüfungsleiter von PWC den Job wechselte, lag die Sache vorübergehend auf Eis.
Innenrevision scheiterte
Sein Nachfolger kam bei der zweiten Prüfung im Frühjahr 2009 aufgrund fehlender Unterlagen nicht weiter und brach die Prüfung ergebnislos ab. Vorher war schon die Innenrevision des Bistums laut Althausen «aufgrund der Verschleppungstaktik des Rentanden völlig an die Wand gefahren». Im Mai 2009 begannen Althausen und seine Fachleute mit umfassenden internen Recherchen zur Aufklärung der möglichen Forderungen der Stadt Limburg.
Die Verantwortlichen im BO setzten sich im Sommer erneut zusammen, gingen detailliert alle Abläufe und Argumente durch – und standen weiter vor einem Rätsel.
Knackpunkt war die Kopie einer Aktennotiz vom 7. Mai 1996, unterzeichnet von Jung-Diefenbach und dem damaligen Vorsitzenden des Gesamtverbandes, Bezirksdekan Aloys Staudt, über eine Zahlung der Stadt Limburg an den damaligen Träger des Kindergartens am Huttig, den Orden der Armen Dienstmägde Jesu, über 8 Millionen Mark für dringende Renovierungsarbeiten. Das Geld sollte demnach bis 2020 an die Stadt zurückgeführt werden; durch diese Verbindlichkeit entstand auf der Haben-Seite plötzlich ein Gegenposten.
Vermerk gefälscht
Den Vermerk hatte Jung-Diefenbach erst im Sommer 2007 an Sehr übergeben, vorher war er in keinem Protokoll aufgetaucht. «Es gab nach der Prüfung nicht den geringsten Anhaltspunkt, dass diese Aktennotiz einen realen Hintergrund hatte», sagte der Finanzdirektor. Dennoch kam ihm bis dahin nicht in den Sinn, dass der Rentand etwas manipuliert haben könnte – bis zum 24. September 2009, als er ihm ein Ultimatum stellte, die Vorgänge bis zum 30. September schriftlich aufzuklären (siehe gesonderten Bericht). Althausen äußerte als Zeuge den Verdacht, dass Jung-Diefenbach die Unterschrift Staudts auf den erst später angefertigten und gefälschten Vermerk kopiert hat.
Der Vorsitzende Richter wollte den Angeklagten auf die Aktennotiz festnageln, gab jedoch auf. Anfangs leugnete Jung-Diefenbach sogar seine Beteiligung an diesem Vorgang. Für Josef Bill war der Hintergrund jedoch sonnenklar: Mit der Luftnummer verschaffte sich der Rentand einen Posten, um seine Unterschlagungen abzuwickeln. hei
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