Hinweis: Verwendung der Artikel der Nassauischen Neuen Presse mit freundlicher Genehmigung der Frankfurter Societäts-Druckerei.
Fünf Tage Musik – Das Harmonie-Festival hat begonnen
Von Anken Bohnhorst-Vollmer
Lebhaft und sehr farbenfroh geht es zu auf dem Festivalgelände. Knapp 200 Musikgruppen werden an diesem ersten Morgen des Harmonie-Festivals erwartet. Und eine der spannendsten Fragen ist: Werden die Musiker aus Usbekistan rechtzeitig ankommen? Das hält nicht nur Gerhard Neunzerling-Dernbach vom Organisations-Team in Atem. Zwar musste das ursprüngliche Programm für die internationale Folklore-Präsentationen ohnehin geändert werden. Angespannt ist Neunzerling-Dernbach aber, seit er zu Wochenbeginn erfuhr, dass knapp die Hälfte der 30 usbekischen Sänger und Tänzer, die nach Lindenholzhausen kommen wollten, vom Regierungschef ihres Landes zu einer offiziellen Feier nach Indien geschickt wurde. Und wo die anderen Musiker bleiben, weiß am Morgen des Festivalauftakts niemand so ganz genau.
Musikalische Welt
"Wenn die Gruppen erst mal hier sind, kann eigentlich nicht mehr viel passieren", sagt ein Organisationshelfer und eilt schnell weiter, um herauszufinden, wo die Frauen des bulgarischen Folklore-Chors Chemmerrika sich umziehen und einsingen können. Geduldig warten die Sängerinnen in der Sonne, zeigen auf ihre bunten Plastikbeutel und erklären gestenreich, dass sich darin ihre Kostüme befänden und dass sie sich schrecklich gern fotografieren lassen würden. Nur leider ist der Schulhof für den Kleiderwechsel ungeeignet. Tatsächlich scheint sich auf diesem Areal zwischen Kirche, Gemeinschaftshaus und den großen Festzelten unterhalb der großen Weltkugel die musikalische Welt zu treffen.
Denn auch der Franciscan Choir aus Kampala, Uganda, der bereits zum zweiten Mal beim Harmonie-Festival dabei ist, sammelt sich hier nach seinem Auftritt in der Kategorie "Folklorechöre mit Instrumentalbegleitung". Die Stimmung unter den Musikern ist allerdings gereizt. Irgendetwas ist nicht so gelaufen wie geplant. Der Dirigent schimpft – aber leider in seiner Landessprache. Und der Chor zieht sich in den Schatten der Bäume am Rande des Geländes zurück. Da stehen, ebenfalls im kühlen Schatten, die Sänger vom Jungen Chor der Sängervereinigung 1863 Wörsdorf um ihren Dirigenten Mario Siry, um sich einzusingen und einzustimmen für ihren Auftritt in der Kategorie "Gemischte Chöre Volkslied".
Von den Stufen des Gemeinschaftshauses kommen da sehr locker die Chor-Mitglieder von El Café Chorale aus dem costa-ricanischen San José daher. "Alles war bestens", freut sich Sänger Christopher Rosello. Dem Publikum haben die lateinamerikanischen Lieder gefallen, und die Begleitinstrumente wie die Bombolo Guero, eine Trommel, und die panflötenähnliche Zampona hätten die Zuhörer zu stürmischen Jubelrufen ermuntert. Wunderbar sei dieses Festival, sagt Rosello. Nicht nur wegen seiner musikalischen Hochklassigkeit – man fühle sich in den Gastfamilien sehr gut aufgehoben. Untergebracht sind diese Gäste bei Chormitgliedern der Musica Viva aus der kleinen Westerwälder Gemeinde Welschneudorf. Und natürlich sind alle Gastgeber gekommen, so wie auch Gabriele und Georg Busch, für die es "ganz selbstverständlich" war, einen Sänger aufzunehmen.
Das war es auch für die aus Georgien stammende Thea Ketchakmadze, die seit Jahren in Lindenholzhausen lebt. Als sie erfuhr, dass zwei Chorsänger aus Georgien denselben Namen tragen wie sie, fing sie an, nachzuforschen. "So ging das: Wir kannten uns gar nicht, und jetzt wissen wir, dass wir verwandt sind." Thea Ketchakmadze ist für alle am Festival teilnehmenden Georgier ein Glücksfall. Sie ist die Dolmetscherin der Sänger, und sie erklärt lächelnd deren martialische Gewänder mit Schlaufen, in denen kleine Messer baumeln könnten, und großen Dolchen, die die Männer in roten und schwarzen Mänteln tragen. "Die Kaukasier sind ein bisschen für ihre Waffenliebe bekannt," sagt Thea Ketchakmadze und führt die Gruppe zum großen Konzertzelt, das rund 2500 Gästen Platz bietet.
Die zahlreichen Zuhörer lassen sich treiben an diesem ersten Festival-Tag. Der Ticketverkauf laufe sehr gut, Josef Jung ist zufrieden. Die jahrelange Planung für dieses musikalische Großereignis ist aufgegangen. "Wir haben hier ehrenamtlich das geleistet, wofür große Konzerne ein Top-Management brauchen", sagt Organisator und Harmonie-Vorsitzender Karl-Heinz-Dernbach stolz. Gemeinsam mit Gerhard Neunzerling-Dernbach und Alexander Jung-König hat er zwei Konzertzelte und ein Speisezelt errichtet. Unterstützt wurden und werden die Organisatoren der Harmonie von rund 1000 Helfern. Die müssten "aber nicht unbedingt musikalisch sein", sagt Alexander Jung-König und lacht.
Allein der Aufbau der Zelte hat rund 1400 Stunden gekostet. Drei Kilometer Telefonkabel wurden verlegt, um alle Veranstaltungsorte miteinander zu verbinden. Schließlich wurden die Rückwände der Bühnen in beiden Konzertzelten mit Holz verschalt, um einen reinen Klang zu erhalten, sagt Jung-König. Allein für den technischen Sound habe man ein Limburger Unternehmen engagiert. "Bei den Wettbewerben gibt es aber selbstverständlich nur für die Ansage ein Mikrofon", betont Tontechniker Sebastian Belz.
Technische Verstärkung brauchen die großen, ausgewogenen Chöre in der Tat nicht. Etwa der Männerchor Frickhofen/Weroth mit rund 80 Sängern: Als sie "What shall we do with a drunken sailor" anstimmen, meint man tatsächlich, die Bühne schwanken zu sehen, so überzeugend treten diese Sänger auf und werden anschließend mit frenetischem Beifall gefeiert. Da stehen auch die Mitglieder von El Café Chorale aus Costa Rica im Publikum und feuern ihre Kollegen an und freuen sich mit ihnen über den gelungenen Auftritt. Und endlich klettern auch die 17 Männer und Frauen aus Usbekistan unweit der großen Zelte aus einem Bus. Allen Reisewidrigkeiten zum Trotz wirken sie recht entspannt in ihren prächtigen, mit aufwendigen Stickereien versehenen Gewändern. Sie sind da und freuen sich auf ihren Auftritt am ersten Tag des Harmonie-Festivals.
Weitere Informationen und die Ergebnisse des ersten Festival-Tages gibt es im Internet: www.harmonie-festival.de.
Artikel vom 02. Juni 2011, 19.50 Uhr (letzte Änderung 03. Juni 2011, 10.06 Uhr)
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