Hinweis: Verwendung der Artikel der Nasauischen Neuen Presse mit freundlicher Genehmigung der Frankfurter Societäts-Druckerei.
Bistum: Hohe kriminelle Energie
«Wir haben keine Anhaltspunkte dafür, dass es noch mehr ist», sagte Sydow am gestrigen Freitag gegenüber der NNP. Allerdings sind die 3,8 Millionen Euro, die Werner Jung-Diefenbach innerhalb der vergangenen zehn Jahre unterschlagen haben soll, erst ein Zwischenstand. In die Prüfungen der Buchungsvorgänge sind nicht nur Mitarbeiter des Bistums eingebunden, sondern auch die Prüfungsgesellschaft PricewaterhouseCoopers, die auch in den vergangenen Jahren geprüft hat.
Wie der ehemalige Leiter des Rentamts und Geschäftsführer des Gesamtverbands der katholischen Kirchengemeinden (Trägereinrichtung für die Kindergärten) vorgegangen ist, wird immer deutlicher: «Kriminelle Energie, Schläue, Geschicklichkeit und Gutgläubigkeit», diese Mischung hat nach Einschätzung des Justitiars den Betrug ermöglicht.
«Geld für die Stadt Limburg»
Nach Angaben Sydows gilt natürlich auch im Bistum das Prinzip: Keine Buchung ohne Beleg. Das unterschlagene Geld soll stets auf das gleiche Konto gebucht worden sein. Die Buchung selbst habe der Leiter des Rentamts stets mit dem Hinweis «Geld für die Stadt Limburg» begründet, die Buchung selbst sei dann durch eine zweite Person ausgeführt worden.
«Im Bistum gilt das Vier-Augen-Prinzip», erklärt Sydow. Der ehemalige Leiter des Rentamts habe es über zehn Jahre ausgenutzt und dabei auch das Vertrauen derer missbraucht, die die Zahlungen gebucht haben. Zudem seien durch den Beschuldigten Unterlagen gefälscht worden. Der Verwendungszweck war natürlich völlig aus der Luft gegriffen, aber passte durchaus ins Bild: Es gibt finanzielle Transaktionen zwischen Stadt und Bistum, zum Beispiel wegen der Kindergärten in katholischer Trägerschaft.
Der Leiter des Rentamts hat sich bei seinen Unterschlagungen zwischen den Jahren 1999 und 2009 offenbar eines bestehenden Kontos bedient. Denn nach Angaben des Justitiars wurden auch die Kontobewegungen in den Jahren 1998, 1997 und 1996 überprüft. Dabei seien keine Buchungen aufgefallen.
«Wir konnten die Veruntreuungen im Rahmen einer routinemäßigen Jahresabschlussprüfung vor allem deshalb aufdecken, weil die Diözese als eines der ersten Bistümer in Deutschland einen Systemwechsel in der Rechnungslegung vollzogen hat», erklärte Finanzdirektor Hans-Peter Althausen. Das bisherige auf den Grundsätzen der Kameralistik basierende System wurde auf das kaufmännische Rechnungswesen umgestellt. Durch die damit notwendige Erfassung aller Vermögens- und Schuldposten in einer Bilanz seien erstmals unklare Posten ersichtlich geworden und das Finanzdezernat habe direkt mit einer Sonderprüfung begonnen.
Konkreter Verdacht, zügige Ermittlungen
Allerdings zunächst ohne Erfolg. Unter der Vielzahl von Buchungen, rund 164.000 manuelle und über 360 .000 maschinelle pro Jahr, seien die Buchungen von Jung-Diefenbach nicht aufgefallen, zumal, so Sydow, zu diesem Zeitpunkt noch gar nicht klar war, ob es sich möglicherweise um Fehlbuchungen handle. Erst Ende September dieses Jahres sei klar geworden, dass es um Unterschlagungen und Straftaten gehe. Damit habe sich der Verdacht auch konkret auf den Leiter des Rentamts gerichtet.
Am 5. Oktober informierte das Bistum die Staatsanwaltschaft, die nach einem ausführlichen Gespräch mit Vertretern des Bischöflichen Ordinariats am darauffolgenden Tag mit den Ermittlungen startete. Am Freitag, 9. Oktober, als die NNP über die Dienstenthebung Jung-Diefenbachs als Leiter des Rentamts berichtete, wurde er in seinem Wohnort Lindenholzhausen verhaftet. Nach Informationen der NNP war ihm bis zu diesem Zeitpunkt nicht klar, dass das Bistum die Staatsanwaltschaft eingeschaltet hatte.
Das Bistum kündigte zudem an, aus dem Vorfall Konsequenzen zu ziehen: Das Rentamt Süd in Kelkheim wird einer zusätzlichen Prüfung unterzogen, die interne Revision verstärkt.
SUCHE Wo sind die Millionen?
Strafrechtlich sind die vergangenen fünf Jahre wichtig, zivilrechtlich kann das Bistum für die vergangenen zehn Jahre Rückforderungen erheben. Justitiar Professor Dr. Gernot Sydow geht davon aus, dass das Bistums einen ansehnlichen Teil der Summe zurückerhält. Allerdings hält das Bistum die Angaben von Werner Jung-Diefenbach, wo das unterschlagene Geld hingeflossen ist, nur zum Teil für glaubwürdig. Nach Darstellung des Beschuldigten ist das Geld für Immobilien, Abzahlen von Krediten, Reisen oder auch eine recht teure Hochzeit ausgegeben worden. Dass auf diese Weise 3,8 Millionen Euro ausgegeben wurden, stößt im Bistum auf ganz erhebliche Zweifel.
Zusammen mit der Staatsanwaltschaft soll ein erheblicher Teil des Geldes an das Bistum über den Zugriff auf Immobilien und Sachwerte zurückfließen. Bei der Strafverfolgungsbehörde gab es am gestrigen Freitag keine neuen Erkenntnisse zu dem Fall. Die Prüfungen der Ermittler beziehen sich vor allem darauf, wohin das von Jung-Diefenbach unterschlagene Geld geflossen ist. Diese Prüfungen werden noch einige Wochen in Anspruch nehmen.
Ansprüche auf Schadensersatz an die Prüfungsgesellschaft zu stellen, denen die Unterschlagungen nicht aufgefallen waren, ist nach Einschätzung Sydows kein Thema. jl
[Hier] finden Sie obigen Artikel mit Kommentaren auf www.nnp.de.
[Hier] finden Sie eine Info von www.lindenholzhausen.de zu dieser Sache mit dem Titel "Immer noch Diskussionen zur Unterschlagung" mit weiteren Links.
[Hier] finden Sie die einführende Info von www.lindenholzhausen.de zu dieser Sache mit dem Titel "Lindenholzhausen geschockt !".
