Hinweis: Verwendung der Artikel der Nassauischen Neuen Presse mit freundlicher Genehmigung der Frankfurter Societäts-Druckerei.
„NervenSegen“ begeistern drei Stunden lang
Von Anken Bohnhorst-Vollmer
Wer mit Nerven wie Drahtseilen gesegnet ist, der braucht keine Freunde, auch nicht, wenn die «Friends» Nicole Jost (Musical und Theater) und Nils Lappahn (Zauberkunststücke) zwar besondere Qualitäten aufweisen, aber eben am Tag ihrer Bühnenshow erkrankt sind. Da strickt das NervenSegen-Trio Valeska Judisch, Kai Gemeinder und Marcus Gemeinder schnell aus Überlegungen zu Leben und Tod sowie allerhand anderen Fragen ein fast dreistündiges Programm mit bester Unterhaltung.
So purzelt zu Beginn des Programms Trenchcoat-Kommissar «Bogart, Karl-Heinz» (Kai Gemeinder) auf die Bühne und sucht eine Leiche oder doch wenigstens eine Frau. Und weil er die nicht findet, auch nicht auf der von ihm geschilderten «Liebesfahrt im Bofrost-Auto durch die Sahara», sind jetzt die Zuschauer gefordert, einen Chor der Ah- und Oh-Seufzer zu bilden.
Das klappt prima, das Publikum gerät in Fahrt, und da springt – wie ein Schachtelteufel – Valeska Judisch als Russen-Diva mit weißem Pelzmantel und -hut auf die Bühne. Sie, deren Stimme so wundervoll facettenreich ist, besingt nun mit unglaublicher Turbulenz die Dramen ihres Lebens. Da geht es auch ums andere Geschlecht, nur beklagt sie im Gegensatz zum Kommissar einen Partnerüberhang. Sie saust musikalisch durch die Oktaven, bis der Geliebte zum Gemetzelten wird und so dem Filet Stroganoff zu seinem Namen verhilft.
Der Pianist behält kühlen Kopf
Zu diesem Zeitpunkt gibt es im Bürgerhaus nur noch einen, der einen kühlen Kopf behält. Das ist Pianist Marcus Gemeinder, der auch den allerschrägsten Szenen des Programms noch Harmonien abgewinnen kann. Herrlich ist da der «Masochisten-Tango», den Kai Gemeinder und Valeska Judisch in waffenstarrender Blutrünstigkeit auf die Bühne legen. Und auch das Lied für Heimwerker, Baumarktläufer und Freunde aller Sägenarten gerät dem Trio so makaber, dass die Pause für das Publikum schon deshalb notwendig ist, um die Vollständigkeit des Ganzkörpers zu überprüfen.
Anschließend wird das Programm ein wenig schlüpfriger und der Humor noch schwärzer. Der frustrierte Kommissar reißt sich den Trenchcoat vom Leib und hüpft in den Zuschauerraum, um in jeder Reihe mindestens eine Frau mit «du bist so schön, ich muss dich wiederseh’n» anzuschmachten. Richtig romantisch wird das zwar nicht, aber immerhin kommt der Kommissar jetzt selbst in Wallung, beschränkt sich auf «ich bin so schön» und verschwindet hinter der Bühne, während der Pianist die Bedeutungsschwere des Augenblicks in Bachs Toccata anklingen lässt.
Ein Programm mit Musik und Totschlag verlangt auch nach einer Axt – am besten geschwungen über dem Haupt und durch den Hals einer Frau. Und wenn das nicht klappt, dann wird eben Holz gehackt. So empfehlen das jedenfalls die NervenSegen, die aber leider auch nicht alles wissen und die Zuschauer mit der Frage allein lassen, ob es ein Leben nach dem Tod gibt und «wenn ja, was ziehe ich dann an» oder noch entscheidender: «Leben Verheiratete länger, oder kommt denen das nur so vor?»
Diese Rätsel werden nicht gelöst. Dafür präsentiert Valeska Judisch aber noch eine urkomische Interpretation von Georg Kreislers «Musikkritiker», dessen Garstigkeit steigt, je mehr Bravorufe aus dem Publikum erschallen. An diesem Abend ist das nicht so. Alle sind begeistert – das kann man auch lesen.
Der Masochisten-Tango in Lindenholzhausen: Aufgeführt von Schwertträger Kai Gemeinder und ...
