Hinweis: Verwendung der Artikel der Nassauischen Neuen Presse mit freundlicher Genehmigung der Frankfurter Societäts-Druckerei.
Infoveranstaltung in Lindenholzhausen
Von Anken Bohnhorst-Vollmer
Lässt sich eine Belastung durch elektromagnetische Strahlen nachweisen? Pfarrer Mathias Engelbrecht aus dem Dekanat Alzey demonstrierte auf einer Bürgerversammlung in Lindenholzhausen mit einem Mikrowellenmessgerät, dass die Elektrosmog-Situation im Versammlungsraum schon jetzt eine mittlere Belastung zeige. Damit war nicht die aufgeheizte Stimmung unter den rund 100 Interessierten gemeint, die der Einladung der Bürgerinitiative gegen den Mobilfunkmast gefolgt waren. Die Bürgerinitative kämpft gegen die geplante Inbetriebnahme des Mobilfunkmasts von Netzbetreiber O2 auf dem ehemaligen Hotel Straube.
Gesundheitliche Beeinträchtigungen?
«Jeder Mensch ist ein elektromagnetischer Empfänger», führte Engelbrecht aus, «jede Zahnplombe wird schon heute von Signalen erreicht», weil Handynetze so konzipiert sind, dass eben nicht nur im Freien Daten übermittelt werden können, sondern auch in dickwandigen Kellerräumen.
Gesundheitliche Beeinträchtigungen sind Engelbrecht zufolge nicht von der Hand zu weisen. Erfahrungsmedizin und Forschungsergebnisse weisen seiner Darstellung nach darauf hin, dass niederfrequent-gepulste Hochfrequenzen, wie sie von Mobilfunksendeanlagen, Handys, drahtlosen Internet-Systemen und dem DECT-Standard entsprechenden Schnurlostelefonen ausgehen, verschiedene Krankheiten begünstigen oder sogar auslösen könnten. Dazu zählten Schlafstörungen, Depressionen, Veränderungen des Blutbilds und des Erbguts ebenso wie ein erhöhtes Krebs- und Tumorrisiko. Und weil «rund 60 Prozent aller Handygespräche von Kindern und Jugendlichen geführt werden», wie Engelbrecht erläuterte, seien die Spätfolgen fatal.
Da dieses Gefahrenpotenzial aber noch nicht durch Langzeituntersuchungen bestätigt wurde, weigere sich die Bundesregierung, die möglichen Auswirkungen anzuerkennen und «macht uns alle zu Versuchskaninchen», klagte Mathias Engelbrecht an. Zwar werden die Belastungs-Grenzwerte von der Internationalen Strahlenschutzkommission ICNIRP empfohlen, doch sei ICNIRP ein von der Industrie finanzierter «Altherrenclub».
Dem widersprach Gunther Möller vom Hessischen Umweltministerium entschieden und verwies auf die neutrale Ausrichtung dieser Kommission, die in enger Kooperation mit der Weltgesundheitsorganisation WHO sowie mit den zuständigen EU-Gremien und auf Bundesebene mit dem Bundesministerium für Umwelt arbeitet. Möllers Protest, das INCIRP hier als käufliche Instanz zu deklassieren, sei völlig verfehlt, wurde mit heftigen Pfui-Rufen aus den Reihen der Bürgerversammlung quittiert. «Wenn wöchentlich 168 Stunden Dauerbestrahlung nicht gesundheitsschädlich sind», rief eine anfgebrachte Zuhörerin, «dann sagen Sie uns das».
Tatsächlich sei bis heute nicht nachweisbar, dass elektromagnetische Quellen Krebs erzeugen, konstatierte Dr. Jutta Witten vom Gesundheitsministerium. «Um mögliche Auffälligkeiten fundiert interpretieren zu können, ist weiterer Forschungsbedarf nötig.» Die statistische Lage reiche im Augenblick nicht aus, um eine Kausalität herzustellen, so Jutta Witten. Dennoch sei es ratsam, insbesondere Kinder und Jugendliche für einen besonnenen Umgang mit dem Handy zu sensibilisieren.
«Von Ihnen habe ich gar nichts anderes erwartet», empörte sich da ein Teilnehmer der Versammlung. «Sie kommen von der Regierung, und die hat das zusammen mit denen in Limburg versaubeutelt.» Kalt übergangen habe man die Anwohner, und weder Ortsbeirat noch Mandatsträger kümmerten sich jetzt um eine Verpflanzung des Mobilfunkmasts. Das stimme überhaupt nicht, warf Ortsvorsteher Franz-Josef Zeidler (CDU) ein, was ja schon daran zu erkennen sei, dass er an der Bürgerversammlung teilnehme und deren Anliegen auch unterstütze.
Friedlicher Boykott
Ob eine Versetzung des Masts realistisch ist, blieb an diesem Abend ungeklärt, zumal sich daran auch die Stadt finanziell beteiligen müsste, wie Gunther Möller vom Umweltministerium feststellte. Andere Möglichkeiten des friedlichen Boykotts zeigte Pfarrer Engelbrecht auf. Wenn alle O2-Nutzer ihre Verträge kündigten, würde dem Unternehmen klar werden, dass es hier nicht erwünscht sei. Düber hinaus sollten alle angrenzenden Hausbesitzer Regressforderungen wegen des sinkenden Immobilienwerts stellen, und jeder Bürger solle bei sich regelmäßige Blutuntersuchungen vornehmen lassen, schlug er vor.
Pfarrer Mathias Engelbrecht ist Umweltbeauftragter vom Dekanat Alzey. Mit seinem Mikrowellenmessgerät wies er die elektromagnetische Belastung im Versammlungssaal in Lindenholzhausen nach. Foto: Bohnhorst-Vollmer[Hier] finden Sie die Seite der Bürgerinitiativ und weitere Informationen.
