Limburg/New York. Sebastian Will macht auf der Karriereleiter einen weiteren großen Sprung. Der 35-jährige Limburger Physiker wird künftig an der New Yorker Columbia University lehren und forschen ...

Bild: Sebastian Will schöpft im Garten seiner Eltern in Lindenholzhausen Kraft, bevor er in New York durchstartet. Immer dabei: das kleine schwarze Notizbuch.
Sebastian Will wird Professor an der Columbia University
Von JULIA BLOCHING
Sebastian Will sitzt im Garten seiner Eltern in Lindenholzhausen und nimmt einen Schluck aus der geblümten Kaffeetasse. „Das ist die reine Erholung“, sagt er und lauscht dem Vogelgezwitscher. Innerlich ist der 35-Jährige schon in Startposition. Am nächsten Tag erwartet ihn ein Kontrastprogramm: New York City, Upper West Side, Columbia University. Sebastian Will wird in der angesagtesten Metropole der Welt Professor für experimentelle Quantenphysik.
„Die Columbia University hat mir ein tolles Angebot gemacht“, erzählt der Limburger, der zuletzt vier Jahre lang am Massachusetts Institute of Technology (MIT) in Boston forschte. Und weil ihm und seinem Team dort spektakuläre Experimente gelangen, wurde die Fachwelt auf den jungen Mann aus Limburg aufmerksam.
Seinen neuen Job konnte er sich unter mehreren Angeboten aussuchen. Auch andere Top-Unis wie Princeton und Yale hatten ihn zum Vorstellungsgespräch eingeladen.
Brandaktuelles Thema
Sebastian Wills Spezialgebiet wird nicht nur in Physikerkreisen heiß diskutiert. Auch Internetkonzerne und Chiphersteller setzen große Hoffnungen in seine Arbeit. Kein Wunder, geht es doch darum, einen Computer zu erfinden, der um ein Vielfaches schneller und leistungsfähiger ist. Die so genannten Quantenbits, die bisher nur in der Theorie existieren, könnten die Computerwelt revolutionieren.
Ein brandaktuelles Thema also, dem sich Professor Will in New York widmen wird. Dabei geht es bei seinen Experimenten bitterkalt zu: Der Wissenschaftler aus dem Abi-Jahrgang 2000 der Tilemannschule (Physik-Leistungskurs) kühlt Atome und Moleküle mit Hilfe von Lasern ab auf den absoluten Temperatur-Nullpunkt. Bei minus 273,15 Grad Celsius halten selbst die kleinsten Teilchen still – oder zumindest fast. „Ich erzeuge so viel Stillstand wie die Quantenmechanik erlaubt“, beschreibt Sebastian Will diesen Zustand. Wenn er die kälteste Materie im Universum dann mit einer Kamera filmt, kann er genau beobachten, wie sich die Teilchen verhalten. Quantenmechanische Effekte werden sichtbar, etwa die Entstehung von Supraflüssigkeit – einer Flüssigkeit, die ganz ohne Reibungsverlust fließt. Interessant sind diese Erkenntnisse zum Beispiel für die Elektronik: Supraleiter transportieren Strom, ohne unterwegs Energie zu verlieren. Und Quantenbits könnten die Grundlage für eine völlig neuartige Computertechnik sein.
An Grenzen stoßen
Und wann werden die Erkenntnisse aus dem Labor in unsere Smartphones und Laptops einziehen? Das weiß auch Sebastian Will nicht. Allzu viel Zeit bleibe jedoch nicht, sagt er. Denn die herkömmliche Computertechnik werde schon in fünf bis sechs Jahren an ihre Grenzen stoßen. „Man braucht relativ bald eine gute Idee“, sagt der 35-Jährige lächelnd. Seine eigenen guten Ideen schreibt er in ein schwarzes Notizbuch, das er auch im Garten in Lindenholzhausen griffbereit hat.
Immer in Bewegung bleiben und Neues gestalten, beschreibt Will seinen Antrieb als Wissenschaftler, der ihn schon früh nach Amerika geführt hat. „In den USA ist die Wissenschaftsszene viel dynamischer und freier. Es gibt mehr Potenzial, aber auch mehr Risiko“, sagt Will. Auch in Deutschland arbeiteten zweifellos große Wissenschaftler. „Aber hier würde man am liebsten immer vorher schon wissen, was am Ende rauskommt.“ Dabei seien es Anfang der 1920er-Jahre deutsche Forscher gewesen, die die Grundlagen der Quantenphysik gelegt hätten. Albert Einstein, Max Planck und Werner Heisenberg etwa. Der Nationalsozialismus zwang viele von ihnen zu emigrieren. Spätere deutsche Nobelpreisträger verlegten ihre Forschungen dann gleich in die USA: Wolfgang Ketterle, an dessen Lehrstuhl am MIT Sebastian Will 2005 seine Diplomarbeit schrieb, oder Horst Störmer, dessen Labore an der Columbia University der Limburger nun übernimmt.
Wills großer Traum...
„Mein größter Traum ist es, ein physikalisches Phänomen zum ersten Mal zu beobachten. Daraus ergeben sich dann womöglich irgendwann ungeahnte Möglichkeiten zum Verständnis der Welt“, sagt Will. Dafür, dass an seinem neuen Lehrstuhl Großes geleistet werden kann, muss der Limburger in den nächsten Wochen die Grundlagen legen. „Ich werde die Labore umbauen und Mitarbeiter einstellen. Semesterbeginn ist im September“, erzählt er.
Übrigens könnte der Limburger an der berühmten New Yorker Hochschule demnächst womöglich einem weiteren Neuling über den Weg laufen. Gerüchteweise wird US-Präsident Barack Obama nach seinem Ausscheiden aus dem Weißen Haus ebenfalls an der Columbia University lehren. Welche Rolle Obama einnehmen wird, ist aber noch nicht klar.
Hinweis: Verwendung der Artikel der Nassauischen Neuen Presse mit freundlicher Genehmigung der Frankfurter Societäts-Druckerei.
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