Verwendung der Artikel der Nassauischen Neuen Presse mit freundlicher Genehmigung der Frankfurter Societäts-Druckerei.Brechen-Niederbrechen. Nur alle zwei Jahre wird der Kallspreis für hessische Milcherzeugerbetriebe vergeben. In diesem Jahr ist der Lindenhof Höhler in Niederbrechen spitze: Der beste von 3100 hessischen Betrieben. ...

Milchkönigin Sarah I. gatuliert (vorne von links): Angelika, Jan und Bernhard Höhler sowie im Hintergrund den Mitarbeitern Eric Turtzer-Heckelmann (Azubi), Marvin Friedle und Jonas Ax (Praktikant) - Foto: Petra HackertBild: Milchkönigin Sarah I. gatuliert (vorne von links): Angelika, Jan und Bernhard Höhler sowie im Hintergrund den Mitarbeitern Eric Turtzer-Heckelmann (Azubi), Marvin Friedle und Jonas Ax (Praktikant) - Foto: Petra Hackert

Lindenhof erhält Kallspreis

Von PETRA HACKERT

Mit der romantisch verklärten Landwirtschaft der Großeltern hat moderne Milchproduktion nicht viel zu tun. Wer den Lindenhof der Familie Bernhard Höhler in Niederbrechen besucht, sieht auf den ersten Blick: Hier wird vielschichtig und nachhaltig gearbeitet. Photovoltaikanlagen auf den Dächern der Gebäude, die Biogasanlage, dann die Milchkühe aus eigener Zucht. Die Höhlers und ihre Mitarbeiter versorgen insgesamt 540 Tiere, das Jungvieh mit eingerechnet. Ihr Konzept und der „Kuhkomfort“, so das Fachwort, überzeugte die Jury, die den Kallspreis für hessische Milcherzeugerbetriebe vergibt. Die Schwerpunkte des Familienunternehmens: Milcherzeugung, Rinderzucht, Ackerbau und Energieproduktion. Die hervorragenden Haltungsbedingungen sind erkennbar. In den großen Stallungen ist es sehr leise, auch bei großer Hitze läuft alles stressfrei ab für die Kühe, die sich gut bewegen und Leistung bringen: 10 000 Kilogramm Milch pro Kuh, wie Bernhard Höhler berichtet.

Die Mischung macht’s, in diesem Fall die unterschiedlichen Standbeine des Unternehmens, die es ermöglichen, auch mit schwankenden Milchpreisen zurechtzukommen. Dann wird querfinanziert, aus der Energieerzeugung zum Beispiel. Dennoch: Bei historisch schlechten Milchpreisen wurde hart gespart, in einem Jahr nichts investiert. „Wenn ich kein Geld verdiene, dann kaufe ich auch nichts“, sagt der Landwirt. Die Investitionen, die sich in den Anlagen widerspiegeln zeigen: Die Familie hat nachhaltig gewirtschaftet, und auch das überzeugte die Jury.

„Die Entscheidung war nicht leicht, denn die drei Siegerbetriebe lagen dicht beieinander“, erläuterte Sibylle Möcklinghoff-Wicke von der Landesvereinigung für Milch und Milcherzeugnisse in Hessen.

Platz zwei erreichte die Familie Lein aus Homberg-Bleidenrod, Platz drei die Familie Zimmermann aus Beerfelden im Odenwald. Das Besondere hier: Seit sieben Jahren erzeugt das Unternehmen im sogenannten „weidebasierten System“ Biomilch. Was das ist: Ähnlich wie in Neuseeland oder Irland sind die Kühe so lange es witterungsbedingt möglich ist auf der Kurzrasenweide, im Odenwald etwa von April bis November.

Danach stehen sie nur etwa 100 Tage im Boxenlaufstall. Ungewöhnlich ist auch das Kalben, nämlich saisonal im Zeitraum zwischen Dezember bis März. „Auf den ersten Blick sieht dieses System sehr einfach aus, stellt aber besondere Anforderungen an das Management“, so Sibylle Möcklinghoff-Wicke.

Der Lindenhof ist landesweit spitze - Die Familie Höhler aus Niederbrechen wirtschaftet nachhaltig, vorausschauend und mit viel „Kuhkomfort“

Rund 3100 Milchviehbetriebe gibt es in Hessen. Der Lindenhof von Bernhard, Angelika und Jan Köhler steht hier an der Spitze. Gestern, am „Internationalen Tag der Milch“, erhielt das Niederbrechener Unternehmen den Kallspreis.

Kurt ist vier Tage alt, liegt gemütlich in seiner Box und schaut mit großen Augen in die Welt. Ein glückliches Kälbchen. Alle Kühe und Kälber auf dem Lindenhof haben Namen – auch wenn sich Angelika und Bernhard Höhler mittlerweile nicht mehr alle merken können. Manchmal ist ihnen sogar die 15-stellige Ziffer, die jedes Tier an den Ohren trägt, präsenter. Denn mit Zahlen, Daten, Fakten haben die Höhlers jeden Tag zu tun – in einem modernen landwirtschaftlichen Betrieb mit rund 540 Tieren (einschließlich Jungvieh). Wie gut es läuft, wurde gestern deutlich.

Wir schauen uns auf dem Hof um. Zwei Tage vor der Preisverleihung. Angelika Höhler hat auf der Terrasse Platz genommen. Ihr Mann führt noch ein Gespräch mit dem Ackerbauberater. „Ein Steuerberater ist für jedes Unternehmen ja schon selbstverständlich“, sagt die 52-Jährige. Hier kommen noch der Biogas-, der Kuh- und eben der Ackerbauberater hinzu. Entscheidungen trifft die Unternehmensführung, doch fachliches Wissen muss stets erweitert und auf dem neusten Stand gehalten werden.

Bernhard Höhler erzählt: Er stammt aus einer landwirtschaftlichen Familie, wie seine Frau. Der 56-Jährige könnte sich keinen anderen Beruf vorstellen. Die beiden werden unterstützt von Sohn Jan. Der 24-Jährige ist seit einem Jahr voll im Betrieb, nachdem er seine Ausbildung zum Agrartechniker abgeschlossen hat. Tochter Anke ist Bürokauffrau – und ebenfalls im Niederbrechener Betrieb beschäftigt. Tochter Julia hat einen Doktortitel, arbeitet an der Uni Gießen, Agrarökonomie. Die Höhlers, drei Mitarbeiter und zwei Auszubildende – damit ist das Team auf dem Lindenhof komplett.

Nein, etwas anderes als mit Tieren zu arbeiten, könnte sich die Familie nicht vorstellen. Doch fernab aller Romantik: Exakte Planung, Analysen, stetige Kontrollen sind wichtig. Zum Beispiel: Jede Kuh trägt einen Sender am Bein, der die Aktivitäten des Tages ausliest. Die Daten werden auf den PC übertragen. Angelika Höhler sieht auf den ersten Blick, ob etwas nicht stimmt, denn die Daten bieten Rückschlüsse auf den Gesundheitszustand. „Es gibt sogar Sender, die das Fressverhalten analysieren und in Phasen den PH-Wert messen“, ergänzt Angelika Höhler.

Für die Kallspreis-Jury ist der Kuhkomfort im Betrieb herausragend. Was heißt das? Großvolumige, offene Ställe mit gut gepflegten Tiefboxen, Gummiauflagen in allen Laufgängen, isolierte Dachflächen, großzügige Strohbereiche. Ein Blick in den Stall mit 190 Milchkühen zeigt: Selbst bei fast 30 Grad Außentemperatur ist es hier deutlich angenehmer. Dafür sorgt unter anderem ein Luftbefeuchter. „Die Kühe sind ja nicht dumm, sie bleiben jetzt lieber drinnen als draußen“, sagt Angelika Höhler. Klar, welcher Mensch würde sich jetzt gerne der prallen Sonne aussetzen, wenn es statt dessen ein schattiges Plätzchen gäbe? Während des Gesprächs ist auffällig: Mehrere Hundert Tiere sind hier, aber es ist sehr, sehr ruhig. Gerade mal ein Vogelzwitschern oder ein laufender Motor sind zu hören. Wenn man es nicht besser wüsste, gäbe es auf der Terrasse kein Hör-Indiz auf die Kühe. Sie sind völlig entspannt.

Der Lindenhof ist seit der Aussiedlung Ende der 50er Jahre immer größer geworden. Zwölf Rinder, einige Schweine, Hühner und ein Pferd – so war das damals. Zusätzlich den Betriebszweig Ackerbau. Heute gibt es drei Schwerpunkte: Milcherzeugung/Rinderzucht, Ackerbau und Energieproduktion durch Biogas- und Photovoltaikanlage.

Diese Mischung ist wichtig, denn seit dem Wegfall der Milchquote ist es in der Landwirtschaft härter geworden, gerade bei den Milchbauern. „In Deutschland herrscht eine seltsame Wertschätzung für Lebensmittel“, formuliert es Angelika Höhler. Anders gefragt: Wie logisch ist es, dass ein Liter Cola oder ein Liter Wasser im Geschäft mehr kosten als ein Liter Milch?

Zwei Jahre nach Ende der staatlichen Milchmengenregulierung sind die Herausforderungen größer geworden. „Ich kenne Betriebe, da waren die Ausgaben höher als die Einnahmen“, sagt Angelika Höhler. Auch sie mussten querfinanzieren: Die Einnahmen aus der seit 2004 betriebenen Biogasanlage, die Photovoltaik-Stromgewinnung und die Produktion auf etwa 185 Hektar Ackerfläche (Getreide, Raps und Mais) schufen ein stabiles, vom Milchmarkt losgelöstes zusätzliches Einkommen. „Die drei Betriebszweige tragen erheblich zur Einkommenssicherung und damit zur Nachhaltigkeit auf unserem Hof bei“, sagt Bernhard Höhler. Das gilt im übrigen auch für die Arbeitszeiten.

Tiere kennen kein Wochenende oder Feierabend. Wenn eine Kuh kalbt oder etwas nicht stimmt, dann muss auch schon einmal nachts oder an Heiligabend der Tierarzt kommen – und am nächsten Tag geht die Arbeit weiter im Programm. Nein, eine 40-Stunden-Woche haben die Höhlers nicht. „Aber wir können auch Urlaub machen“, sagen sie. Mit besonders gutem Gewissen, seit Sohn Jan den Betrieb mit führt. Allerdings: Auch für die Mitarbeiter sind geregelte Zeiten wichtig. Daher übernehmen die Angestellten das morgendliche Melken von 5.45 bis 8.45 Uhr. Die Höhlers haben sich für die Abendschicht (16.30 bis 19 Uhr) eingeteilt. Davor, danach und dazwischen sind sie natürlich auch aktiv. Aber nicht rund um die Uhr. Das ist, so merken sie an, mit dem nun größeren Betrieb mit mehr Mitarbeitern, die Ausfälle (Krankheit) auffangen können, natürlich auch etwas leichter.

Der Kallspreis

Die Landesvereinigung Milch würdigt mit dem Kallspreis seit acht Jahren Unternehmen, die für eine erfolgreiche, moderne Milchviehhaltung stehen. Was das heißt? Die Betriebe durchlaufen ein dreistufiges Bewerbungsverfahren. Sie müssen eine Fachjury davon überzeugen, dass sie in den Bereichen Tierwohl, Ökonomie, Umweltwirkung und Soziales herausragend sind.

Jeder hessische Milcherzeuger kann sich für den Preis bewerben, der alle zwei Jahre vergeben wird. Die Familie Höhler hat es jetzt geschafft, den ersten Platz zu erringen. Das heißt: Sie stehen an der Spitze von 3100 Milchviehbetrieben in Hessen. Der Preis für erfolgreiche hessische Milchviehhalter wurde im Jahr 2009 zum ersten Mal verliehen. Erster Preisträger war der Familienbetrieb Mitze aus Lichtenfels-Münden. Der Kreis Limburg-Weilburg zeigt sich übrigens besonders stark in der Milchproduktion: Der Lindenhof Höhler ist der zweite Erste-Preis-Träger, seit es die Auszeichnung gibt, der aus der Region kommt. 2011 nahm Familie Hölz aus Weinbach den Spitzenpreis in Empfang, vor ein paar Jahren schafften die Höhlers aus Niederbrechen Platz drei. pp

Hinweis: Verwendung der Artikel der Nassauischen Neuen Presse mit freundlicher Genehmigung der Frankfurter Societäts-Druckerei.

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